Da das "exklusivste Start-up-Event Europas" vor der Tür steht, ist es an der Zeit für einen offenen Brief an das gesamte Start-up-Ökosystem. 65 Prozent der Startups fühlen sich zu abhängig von den Tech-Riesen (GAFAM), aber es gibt andere Möglichkeiten. Jeder Unternehmer und CTO kann etwas ändern, indem er jetzt die richtigen Entscheidungen trifft.

Inspiriert von dem Erfolg der beeindruckendsten Einhörner Europas, wie z. B. BackMarket, Alan, Mirakl, Doctolib, Sorare und Qonto, bereitest du - ich erlaube mir hier, ganz nach amerikanischem Stil, das Duzen - dich auf das spannendste Abenteuer vor: Dein Start-up in einer Region, die in den letzten fünf Jahren besonders viel in die Gründung von Technologieunternehmen investiert hat, aufzubauen.

Heute mögen wir uns zwar in einer Krise befinden, jedoch ist die Herausforderung dabei genauso spannend. Im Gegensatz zum Jahr 2000 nach dem Platzen der Dotcom-Blase kannst du diesmal auf die Unterstützung der europäischen Regierungen zählen. So hat der französische Wirtschaftsminister Bruno Le Maire in diesem Sommer einen ehrgeizigen Fahrplan aufgestellt, mit dem in Frankreich bis 2030 zehn Decacorns geschaffen werden sollen.

Das neueste Barometer über die wirtschaftliche und soziale Leistung digitaler Startups in Frankreich, das von Ernst & Young für France Digitale erstellt wurde, kann dir allen Grund zum Optimismus geben: Im Jahr 2021 lag der durchschnittliche Umfang an Finanzmitteln pro Start-up seit seiner Gründung bei fast 32 Mio. Euro, gegenüber 18 Mio. Euro im Jahr 2020. Dem Barometer zufolge setzen die Start-ups also trotz der aktuellen Umstände ihr Wachstum fort und verzeichnen weitere Umsatzsteigerungen.

Wer sein Geschäft nativ in der Cloud aufzieht, trifft die richtige Wahl: Flexibilität und dynamische Entwicklung sind garantiert. Zudem ermöglicht es die Public Cloud, sich vollkommen auf das Kerngeschäft zu konzentrieren, ohne sich um das kümmern zu müssen, was “unter der Haube” passiert (Verwaltung der IT-Infrastruktur). Sich von Anfang an für die Cloud zu entscheiden, bedeutet auch, dass man einfacher skalieren kann, sobald das Unternehmen wächst.

Die Cloud ist also offensichtlich die beste Wahl. Aber welche(n) Anbieter sollte man wählen? Dies zu entscheiden, kann schnell kompliziert werden. Denn es sind viele Mythen im Umlauf, die darauf abzielen, die technischen und wirtschaftlichen Entscheidungen von Unternehmen zu beeinflussen. Für Startups ist es schwierig, nicht in eine “permanente Abhängigkeit von einzelnen Anbietern” zu geraten, da die großen Unternehmen großzügige Angebote für kostenloses Cloud-Guthaben machen. Diese Menge an “geschenktem Geld” wird dir die Illusion geben, dass du ohne Kosten und ohne Limit eine unvergleichliche IT-Architektur aufbauen und entwickeln kannst.

Durch eine derartige Illusion passiert es schnell, dass die Abhängigkeit von einem einzelnen Anbieter außer Acht gelassen wird. Eine Abhängigkeit, die laut dem EY-Barometer 65 Prozent der französischen Start-ups in Bezug auf Tech-Riesen wie GAFAM empfinden. Diese nicht empfehlenswerte Einkaufspraxis kann die digitale Stabilität eines Unternehmens beeinträchtigen. Zudem lässt dich diese Illusion die wahren Kosten, die du tragen musst, wenn diese kostenlose Nutzung endet und es kein Zurück mehr gibt, vergessen. Vielleicht entdeckst du dann das Ausmaß der sog. Egress-Kosten - Gebühren, die beim Übertragen ihrer abgerufenen Daten anfallen (egress fees) - die dich entgegen aller Vernunft bis in alle Ewigkeit an deinen Cloud-Anbieter binden. Das Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten, die japanische Wettbewerbsbehörde (Japan Fair Trade Commission) sowie deren niederländisches und französisches Pendant und die Europäische Kommission beschäftigen sich bereits intensiv mit den negativen Auswirkungen dieser Vorgehensweisen, die bereits Generationen von Unternehmern zu spüren bekommen haben.

Zudem bekommt man ständig zu hören, dass europäische Cloud-Anbieter “nicht auf der Höhe der Zeit sind” und einen “uneinholbaren Rückstand” im Vergleich zu ihren US-amerikanischen Wettbewerbern von “Weltklasse” haben. All dies sind Argumente, die von den Marketing-Genies der globalen Tech-Riesen gekonnt aufrechterhalten werden, jedoch durch Fakten bereits weitgehend widerlegt sind.

Angesichts der Trillionen von US-Dollar, die Tech-Riesen in ihre globale Expansion investieren, wird man dir zum Beispiel entgegenhalten, dass die europäischen Cloud-Akteure nicht über solide Grundlagen verfügen. Du kannst aber beruhigt sein: Dank kumulierter Investitionen in Milliardenhöhe bringen Unternehmen wie OVHcloud, Hetzner und Scaleway (Vorreiter einer ganzen Reihe von kleinen und mittelständischen Cloud-Unternehmen, von denen einige bereits Zentauren sind) seit über 20 Jahren täglich Innovationen hervor. Trotz des harten Wettbewerbs entwickeln diese europäischen Unternehmen äußerst wettbewerbsfähige “native Cloud-Angebote” auf dem neuesten Stand der Technik.

Die Kirsche auf der Torte: Auch wenn es für viele Entwickler noch anekdotenhaft erscheint, werden diese Angebote dir und deinen Kunden ein Höchstmaß an technologischer Unabhängigkeit und die Einhaltung der EU-Datenschutzvorschriften garantieren. Mit anderen Worten: Anders als bei der Datenspeicherung durch US-amerikanische Cloud-Akteure gibt es bei den europäischen Cloud-Anbietern kein Risiko, dass ein US-amerikanischer Richter Zugriff auf die Daten bekommt.

Schließlich wird man dich davon überzeugen, dass die europäischen Cloud-Akteure in Bezug auf die Breite der Produktpalette nicht mithalten können. Ja, die europäischen Anbieter bieten heute nicht den gleichen Umfang an Funktionen wie ihre US-amerikanischen Wettbewerber. Und wenn schon? Tatsächlich reichen 20 Prozent des Angebots von Amazon Web Services - Anbieter von 75 Prozent der Next40-Start-ups - aus, um 80 Prozent deines Bedarfs, der rein praktischer Natur ist, zu decken.

Zwischen Mythen und Rationalität, kurzfristigen Finanzwundern und langfristiger Stabilität: Du stehst nun an einem Scheideweg mit dem Ziel, eine Entscheidung, nicht nur mit Blick auf die Cloud(s), sondern auch im Einklang mit Ihren Werten und dem Wunsch nach Wirkung, der Sie als Unternehmer täglich begleitet, zu treffen.

In Zeiten knapper Budgets und drastischer Rationalisierungen wird diese Entscheidung wichtiger denn je sein. Der Cloud-Anbieter, der sofort deinen Bedarf zu decken scheint, dich aber letztendlich dazu zwingt, zu lange überflüssige Dienste zu nutzen? Oder der, der dir die Freiheit lässt, nur das zu nutzen, was du brauchst, sowie bei Bedarf weitere Dienste hinzuzufügen oder zu entfernen? Hier liegt die wahre Herausforderung für ein nachhaltiges Wachstum: ein Wachstum nach den eigenen Vorstellungen und nicht nach auferlegten Bedingungen, die du erst entdecken wirst, wenn es zu spät ist. Du hast die Wahl!

Yann Lechelle, CEO von Scaleway, französischer Cloud-Anbieter