Das heute boomende Start-up-Ökosystem würde ohne die Cloud nicht existieren, ebenso wenig wie zahllose andere wesentliche Bestandteile der modernen Gesellschaft, die wir heute als selbstverständlich voraussetzen.

Ein weiterer Aspekt, den wir für selbstverständlich halten, ist, wo und von wem unsere Daten gespeichert werden. Dennoch gewinnt dieses Thema zunehmend an Bedeutung und veranlasst Unternehmen, sich von den weltweit größten Cloud-Anbietern abzuwenden oder zumindest teilweise auf andere Anbieter auszuweichen.

Sind Start-ups zu abhängig von nicht-europäischen Anbietern?

Amazon, Microsoft und Google sind allesamt in den USA ansässige Unternehmen und unterliegen dementsprechend den US-amerikanischen Rechtsvorschriften. Für einige europäische Start-ups und Organisationen wird diese bisher unbeachtet gebliebene Realität nun zu einem wachsenden Grund zur Sorge.

Selbst in IT-Kreisen ist kaum bekannt, dass die US-Regierung im Rahmen des CLOUD Act auf Cloud-Daten von US-Unternehmen überall auf der Welt zugreifen kann – was einen Großteil der globalen Cloud-Daten ausmacht: Schließlich entfallen auf AWS, Microsoft Azure und Google Cloud Platform 62 % des weltweiten Cloud-Umsatzes.

Dies gibt Anlass zur Sorge bei europäischen Start-ups, Unternehmen und Bürgern, da dadurch die in der DSGVO festgelegten Datenschutzmaßnahmen effektiv untergraben werden.

Deshalb migrieren immer mehr Unternehmen, darunter auch Start-ups, ihre Daten zu Anbietern, die ausschließlich den europäischen Rechtsvorschriften unterliegen, denn dank der strengen Datenschutzbestimmungen in Europa sind die sensibelsten Daten der Unternehmen umfassend geschützt.

Dennoch wird sich Europa jetzt erst dieser Realität bewusst und steht dabei direkt einem beunruhigenden Ungleichgewicht gegenüber: Der EU-Marktanteil der europäischen Cloud-Anbieter liegt bei niedrigen – und weiter abnehmenden – 13 Prozent. Das bedeutet, dass 87 Prozent der in Europa gespeicherten Daten extraterritorialem Recht unterliegen könnten.

Ist dies für Start-ups ein großes Problem? Letztendlich sind für Start-ups Flexibilität und globale Verfügbarkeit die wichtigsten Anforderungen mit Blick auf die Cloud, weshalb sie sich oft für global verteilte Anbieter, mit denen sie dies am besten erreichen können, entscheiden. Sind die Cloud-Anforderungen von Start-ups einmal erfüllt , können sie sich wieder auf ihre Hauptaufgaben konzentrieren: Produkt, Mitarbeiter und Profit (oder Finanzierung...).

Bedeutet das, Start-ups ist Datenhoheit nicht wichtig? Nicht zwangsläufig. In einer kürzlich von EY im Auftrag von France Digitale durchgeführten Umfrage unter französischen Start-ups gaben 65 Prozent der Befragten an, dass sie sich zu sehr von GAFAM abhängig fühlen. In der Tat stehen dabei manchmal – und immer öfter – die bindenden Verpflichtungen in Bezug auf Privatsphäre, Datenschutz, Eigentum und Kontrolle im Vordergrund.

Dies ist beispielsweise bei Start-ups wie Golem.ai oder Familink der Fall, die höchst sensible öffentliche und private Daten verarbeiten und für die die Datenhoheit von größter Bedeutung ist. Familink beispielsweise, ein Hersteller von digitalen Bilderrahmen, mit denen ältere Menschen ihre Familienfotos genießen können, beschloss, die Speicherung der Kundendaten nach Frankreich zu verlagern, nachdem die europäischen Nutzer Druck gemacht haben, sich von ihren früheren amerikanischen Anbietern zu trennen. Dies zeigt, dass der Anstoß zur Datenhoheit oft in erster Linie von den Kunden eines Start-ups kommt.

Was können Start-ups unternehmen?

Die vollständige Migration zu einem europäischen Cloud-Anbieter ist eine der möglichen Lösungen für Start-ups, die ihre eigenen Daten sowie Kundendaten schützen möchten. Das ist zwar keine Kleinigkeit, wird aber dank der Containerisierung und der damit einhergehenden standardisierten Cloud-Lösungen immer einfacher. Außerdem führen Migrationsprojekte oft zu einer Neubewertung der bestehenden Infrastruktur, zur Optimierung und zum Abbau von Ressourcen, was eine deutlich niedrigere monatliche Rechnung zur Folge haben kann. Ein Beispiel dafür ist Familink, dessen Cloud-Rechnung um die Hälfte gesenkt werden konnte, während die Serverleistung gleich blieb.  

Trotzdem gibt es einen weit verbreiteten Mythos, der viele Start-ups davon abhält, Europa überhaupt als Alternative in Betracht zu ziehen – nämlich der, dass das europäische Cloud-Service-Angebot den US-amerikanischen um Jahre hinterherhinkt. Das stimmt heute ganz offensichtlich nicht mehr. Zahlreiche europäische Anbieter haben sich in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt und bieten Cloud-Dienste auf US-amerikanischem Niveau an. So hat Scaleway mit Hive einen dem Hyper-Scaler gleichwertigen Dienst für S3 Object Storage, der vollständig in Europa eingesetzt wird, im Angebot.

Man muss sich nicht mehr länger zwischen Leistung und Datenhoheit entscheiden, es ist beides gleichzeitig möglich: Insbesondere, weil 80 Prozent des Cloud-Bedarfs von 20 Prozent der derzeit verfügbaren Dienste abgedeckt werden.  

Das bedeutet aber nicht, dass man alles auf eine Karte setzen sollte. Im Gegenteil: Eine andere Lösung für Start-ups, die ihre eigenen Daten sowie Kundendaten schützen möchten, ist die Multi-Cloud, also das anbieterübergreifende Hosten von Daten. Trotz der zusätzlichen Komplexität bietet die Multi-Cloud Antworten auf akute Fragen des Risikomanagements wie Sicherheit, Regionalisierung von Daten, Kosten, Lock-in und geopolitische Aspekte. Die Multi-Cloud ist ganz einfach die Zukunft der IT-Industrie, denn etwa 90 Prozent der Unternehmen verfolgen bereits eine Multi-Cloud-Strategie in der einen oder anderen Form.

“Heute bzw. in Zukunft müssen Start-ups in der Lage sein, souveräne Cloud-Ressourcen zu nutzen, um ihre Daten und Technologien zu schützen und den Bedarf ihrer Kunden zu decken, und zwar Land für Land und Sektor für Sektor”, sagt Gilbert Cabillic, CEO von ScaleDynamics, dessen Container-as-a-Service (CaaS)-Plattform es Start-ups ermöglicht, Cloud-Ressourcen zu nutzen und zu wechseln und "ihren Bedarf in Bezug auf die Datenhoheit anzupassen", und zwar zu jeder Zeit, auch in einer Multi-Cloud-Konfiguration.

Es geht nicht nur um Daten

Im Hinblick auf die Souveränität ist der heutige geopolitische Rahmen von besonderer Bedeutung. Die weit verbreiteten schädlichen Auswirkungen unvorhergesehener Ausfälle von Cloud-Diensten (z. B. AWS-Ausfälle im Jahr 2021) sind ein deutliches Anzeichen dafür, dass man sich nicht zu sehr auf eine Handvoll von Anbietern verlassen sollte. Dies gilt umso mehr, wenn man bedenkt, dass die drei großen Anbieter alle in den USA ansässig sind. Dadurch stellt sich nämlich die Frage, was passieren würde, wenn ein Ausfall aufgrund geografischer Gegebenheiten oder, schlimmer noch, absichtlich herbeigeführt wird.

Trumps “America first” und andere protektionistische wirtschaftliche Maßnahmen haben sich bereits auf den IT-Sektor ausgewirkt, so wurde beispielsweise Huawei über Nacht die Android-Lizenz entzogen. Wenn es hart auf hart kommt, dürfte kaum ein Zweifel daran bestehen, dass die Interessen der USA Vorrang haben werden. Auch der Ukraine-Konflikt verdeutlicht die Gefahr von “Splinternets”: Kaum war Russland im Februar letzten Jahres in sein Nachbarland einmarschiert, schränkte es den Zugang der Bürger zu Facebook und Twitter ein. Und wie? Mit dem Gesetz über das souveräne Internet von 2019. Die anhaltenden geopolitischen Unruhen sind also ein Risiko, das alle europäischen Unternehmen beachten sollten.

“Beim Start-up-Management geht es darum, Entscheidungen zu treffen, und bei Souveränität geht es darum, frei und ohne äußere Einflüsse entscheiden zu können. Ohne Datenhoheit sind Start-ups in ihrer Flexibilität und der Art und Weise, wie sie Mehrwert schaffen können, eingeschränkt. Für Start-ups ist die Datenhoheit eine langfristige Investition, ganz ähnlich wie geistiges Eigentum oder der Aufbau eines fähigen Teams”, sagt Nathan Richard, Gründer und Präsident von Memento Cloud. “Das Start-up-Ökosystem ist wie Treibsand. Der Wandel ist anhaltend und Start-ups müssen sich schnell anpassen. Auf lange Sicht ist fehlende Datenhoheit so, als würde man mit einem halb leeren Blatt Karten spielen. Was passiert zum Beispiel, wenn man durch die Bindung an einen bestimmten Anbieter daran gehindert wird, wichtige Vorschriften einzuhalten?”

Weitere Anregungen

Letzten Endes geht es um Risikomanagement. Cloud-Dienste sind eine grundlegende technologische Ebene, und die Realität ist, dass ein technischer oder politischer Engpass in den USA oder auch in China Europa lahmlegen oder die Rechte der Bürger beeinträchtigen könnte.

Heutzutage können europäische Cloud-Anbieter die große Mehrheit der Cloud-Anforderungen auf demselben, wenn nicht sogar auf einem höheren Niveau als ihre US-amerikanischen Wettbewerber erfüllen und bieten gleichzeitig noch die Vorteile mit Blick auf die Datenhoheit.

Auch Start-ups können dazu beitragen, die Verhältnisse wieder ins Gleichgewicht zu bringen, und das müssen sie auch. Das künftige Wachstum und die Stabilität des europäischen IT-Sektors hängen davon ab.

Scaleway wird im Rahmen des neuen Programms "The Next 100 Startups Shaping Europe's Future" den Großteil der anfänglichen Cloud-Kosten von 100 europäischen Startups übernehmen. Um weitere Informationen zu erhalten oder sich zu bewerben, klicken Sie hier.