Im vergangenen Jahrzehnt glaubten viele Start-ups an einen vorherrschenden Mythos: Ein einziger Cloud-Anbieter könne ihren gesamten Bedarf abdecken. Geködert wurden sie mit Cloud-Krediten in sechsstelliger Höhe, mit denen sich finanzschwache Teams die anfängliche Infrastruktur für den Aufbau ihres Unternehmens anschaffen konnten. Auf den ersten Blick schien es so, als seien diese Kredite kostenlos, mit der Zeit zeigte sich aber ihr wahres Gesicht: Wenn Start-ups versuchten den Cloud-Anbieter zu verlassen, verlangten einige Anbieter von ihnen Abwanderungsgebühren in ähnlicher Höhe wie die ursprünglichen Kredite.

Heutzutage kann man diese Gebühren einfacher umgehen, da sie zum einen nicht mehr von allen Cloud-Anbietern erhoben werden und zum anderen, weil bereits 80 Prozent der Kundenwünsche von nur 20 Prozent der Produkte unterschiedlicher Cloud-Anbieter abgedeckt werden.

Diese möglich gewordene Flexibilität hat den Weg für einen neuen, besseren Ansatz für Startups frei gemacht: die Multi-Cloud.

Was ist die Multi-Cloud?

Fragt man viele verschiedene Menschen, was die Multi-Cloud ist, bekommt man mindestens genauso viele unterschiedliche Antworten. Für die einen ist es eine bestimmte Art der technischen Konfiguration, für andere ist es eine Philosophie. Am häufigsten erhält man verschiedene Varianten einer der folgenden Antworten:

  • Eine Mischung aus Public Cloud, Private Cloud und On-Premise-Hosting (auch bekannt als “Hybrid Cloud”)
  • Das Speichern von Daten bei verschiedenen Cloud-Anbietern
  • Die Replikation der gleichen Daten über mehrere Anbieter
  • Oder einfach die Freiheit, von einem Anbieter zum anderen zu wechseln, ohne dass erhebliche Kosten anfallen

Diejenigen, für die Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit an erster Stelle stehen, die werden die Multi-Cloud als eine Möglichkeit, Redundanz zu gewährleisten, wahrnehmen. Für andere ist es ein Schritt hin zu einer effizienteren Architektur, die sich an einer ansonsten nicht verfügbaren Zusammenstellung von Produkten und Diensten verschiedener Cloud-Anbieter bedient. Schließlich gibt es noch diejenigen, die von den wettbewerbswidrigen Praktiken einiger Cloud-Service-Anbieter genug haben und die Multi-Cloud als eine Art Unabhängigkeitskampf anpreisen. Nichts davon schließt sich gegenseitig aus - Die Multi-Cloud ist all das und noch viel mehr.

Diese Antworten werden alle von einem einfachen Prinzip untermauert: Wahlmöglichkeiten. Die Wahl, Cloud-Dienste sowie unterschiedliche Anbieter zu verlassen, zwischen ihnen zu wechseln und sie zu kombinieren. Denn heutzutage ist diese Wahlmöglichkeit wichtiger denn je.

Vier Gründe, die für die Multi-Cloud sprechen

Cloud-Dienste haben sich im letzten Jahrzehnt rasant weiterentwickelt und damit auch ihr umfassendes, komplexes Angebot sowie ihr Einfluss auf die Welt. Ein Anbieter allein kann nicht jeden einzelnen Kundenwunsch, egal ob auf technischer Ebene oder nicht, erfüllen. Angesichts der Tatsache, dass digitales Bewusstsein immer mehr im öffentlichen Diskurs stattfindet, werden auch die sozialen und ökologischen Auswirkungen des Cloud Computing immer stärker beleuchtet.

Mit anderen Worten: Bei der Multi-Cloud geht es nicht nur darum, astronomische Gebühren beim Verlassen eines Cloud-Anbieters zu vermeiden. Es geht auch um Datenhoheit, technische Flexibilität, Nachhaltigkeit sowie die Abkehr von wettbewerbswidrigen Praktiken, die in diesem schnell wachsenden Sektor, der sich bereits ausdrücklich für einen Multi-Cloud-Ansatz ausgesprochen hat, nichts verloren haben.

Die folgenden vier Gründe veranschaulichen, warum die Multi-Cloud wichtiger ist, als Sie vielleicht denken.

1. Datenhoheit

Auf Daten, die auf Servern von IT-Unternehmen, die in den USA ansässig sind, gespeichert werden, können US-Behörden (u. a. Geheimdienste), unabhängig vom Ort der Datenspeicherung, zugreifen (CLOUD Act, 2018). Das bedeutet, dass die Daten auf den Servern der drei größten Cloud-Anbieter weltweit von der US-Regierung eingesehen werden können, auch wenn sich die Rechenzentren auf ausländischem Boden befinden.

Doctolib, eine Online-Plattform zum Buchen von Arztterminen, die vom Berliner Senat und in Frankreich unter anderem zur Planung der COVID-19-Impfungen genutzt wurde, wurde kürzlich erst Gegenstand einer Datenschutzdebatte, da die Plattform einen US-amerikanischen Cloud-Anbieter nutzt und so womöglich sensible medizinische Daten europäischer Bürger für die US-Regierung zugänglich macht. Währenddessen sind andere Unternehmen wie Familink und LockSelf von US-amerikanischen zu europäischen Cloud-Service-Anbietern gewechselt und können so den Anforderungen von Kunden, die sich um Ihre Privatsphäre sorgen, gerecht werden und den höchstmöglichen Datenschutz gewährleisten.

Da das Thema Datenschutz nicht nur für die europäischen Institutionen, sondern auch für die breite Weltbevölkerung zunehmend wichtiger wird, kann die Wahl eines anderen Cloud-Anbieters, je nachdem, wo sich Ihre Kunden befinden, möglicherweise zu mehr Aufträgen führen.

2. Nachhaltigkeit

Der CO2-Fußabdruck des Cloud-Sektors übersteigt mittlerweile den der Luftfahrtindustrie, kein Wunder also, dass der Sektor zunehmend aufgefordert wird, seinen Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels zu leisten. Zum Glück ebnen Entwicklungen hin zu einer erhöhten Effizienz von Rechenzentren, zur Wiederverwendung von Geräten und zu energieeffizienten Produkten den Weg für mehr Nachhaltigkeit im Cloud-Sektor.

Trotzdem stellen nachhaltige Rechenzentren weiterhin eher die Ausnahme als Normalität dar. Für Start-ups, die gerade zu Beginn so gerade über die Runden kommen, stehen technische und finanzielle Aspekte im Vordergrund, was bedeutet, dass nachhaltiges Hosting für sie zunächst vielleicht weniger wichtig ist.

Mit der Multi-Cloud muss man sich nicht mehr entweder für das eine oder für das andere entscheiden. Durch die Zusammenarbeit mit verschiedenen Cloud-Anbietern können Sie zumindest einen Teil Ihrer Daten in weniger umweltbelastenden Rechenzentren hosten. Eine Initiative, die nicht nur bei den Kunden, sondern auch bei zukünftigen potenziellen Bewerbern auf große Resonanz stoßen wird.

3. Wahlmöglichkeiten

Jeder CTO wird, ob aus Kostengründen oder technischen Erwägungen, irgendwann einmal über einen Wechsel des Cloud-Anbieters nachdenken. Aber selbst wenn man die Abwanderungsgebühren irgendwie stemmen kann, bleiben immer noch erhebliche technische Hürden - unter anderem verursacht durch fehlende Kompatibilität und insbesondere dann, wenn das DevOps-Team für die Arbeit mit einem bestimmten Cloud-Anbieter geschult wurde.

Ein unmittelbarer Multi-Cloud-Ansatz gewährleistet zukünftige Flexibilität und Wahlmöglichkeiten. Container- und Serverless-Architekturen erobern die Welt bereits im Sturm: Sie sind bei einem künftigen Wechsel - egal ob teilweise oder vollständig - zwischen Cloud-Anbietern hilfreich und ermöglichen gleichzeitig einen breiteren Zugang zu einem bereits knappen Bewerberpool.

4. Technische Flexibilität

Die Konzeption eines Produkts gleicht einer Entdeckungsreise: Das Endergebnis ist selten

so, wie man es sich ursprünglich vorgestellt hat und der Weg dorthin führt über unzählige Umwege. Mit zunehmendem Verständnis über den eigenen Bedarf stellen Sie vielleicht fest, dass der Dienst, der Sie zur Wahl eines bestimmten Cloud-Anbieters veranlasst hat, letztlich gar nicht notwendig oder zu teuer ist - oder dass es sogar ein besseres Angebot von einem anderen Anbieter gibt.

Das stellt, wenn Sie sich auf einen einzigen Cloud-Anbieter festgelegt haben, ein potenzielles Albtraum-Szenario dar. Während es bei einem Cloud-Agnostic-Ansatz schlimmstenfalls Kopfzerbrechen auslöst. Die technische Flexibilität der Multi-Cloud ermöglicht es Ihnen, das Beste aus jedem Anbieter herauszuholen. Dadurch können Sie sich vollkommen frei von Einschränkungen durch das Angebot Ihres Anbieters der Konzeption Ihrer Produkte widmen, denn nur Ihre Fantasie setzt Ihnen Grenzen.

Fazit

Die Multi-Cloud ist im Aufwind und wird sich in den kommenden Jahren als neuer Status quo etablieren. Warum also alles auf eine Karte setzen, wenn es gar nicht nötig ist?

Jeder Cloud-Anbieter hat seine Stärken und Schwächen, aber Sie müssen sich nicht länger festlegen. Start-ups haben die Wahl - jetzt noch mehr denn je!