Haben Sie jemals Ihre Arbeit so richtig gehasst? Sie jeden Tag verabscheut? Was haben Sie daran gehasst? Ich vermute mal, es lag nicht an den täglichen Aufgaben, sondern vor allem an dem Umgang untereinander. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie kommen 25 Prozent der Kündigungen deshalb zustande, weil man nicht mit seinen Kollegen zurechtkommt.

Aber was macht Interaktionen auf der Arbeit eigentlich so kompliziert? Wir alle kennen doch den großen Knigge und haben so bereits früh gelernt, was gutes Benehmen ist. Warum also legen wir unsere grundlegenden Werte im Arbeitsumfeld so einfach ab? Das liegt unter anderem daran, dass wir alle eine unterschiedliche Wahrnehmung von ein und derselben Situation bzw. Information haben. Zudem verstehen die meisten von uns nicht, welche Auswirkungen unser Verhalten auf andere hat und stellen es in der Regel auch nicht infrage. Das Problem ist, wir beurteilen uns selbst basierend auf unseren ursprünglichen Absichten, aber andere basierend auf ihrem Verhalten.

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Pferde? Liebe? Freundschaft? Sonnenuntergang? In jeder beliebigen Gruppe werden in der Regel alle vier Antworten genannt. Denn jeder Mensch nimmt ein und dieselbe Information anders wahr. Wenn wir alle diese Tatsache einmal verstanden haben, können wir Vielfalt wirklich wertschätzen, ein gutes Verhältnis zueinander aufbauen und letztendlich gemeinsam gute Ergebnisse erzielen. Wenn wir uns also ständig nur darüber streiten, wer mit welcher Wahrnehmung richtig liegt, dann kommen wir erst gar nicht zu dem Punkt, gemeinsam Ergebnisse zu erzielen und die Chancen stehen gut, dass wir anfangen, unsere Arbeit zu hassen und unsere Motivation zu verlieren und schließlich entweder vermeiden, Verantwortung zu übernehmen, oder gar kündigen.

Wenn wir zudem verstanden haben, dass unser Verhalten unterschiedlich sowie unabhängig von unseren ursprünglichen Absichten wahrgenommen werden kann und dass unser Verhalten Konsequenzen und Auswirkungen für andere mit sich bringt, verfügen wir über eine gewisse Selbstkenntnis bzw. -reflexion. Der nächste Schritt ist es, dies bei anderen Menschen zu verstehen und anzuerkennen - das nennen wir dann Wertschätzung von Vielfalt. Nur wenn wir respektieren, dass es noch andere Perspektiven als unsere eigene gibt und diese ebenso wichtig sind, können wir ein harmonisches Verhältnis untereinander aufbauen, das es uns ermöglicht, gemeinsam gute Ergebnisse zu erzielen.

Vertrauen in Teams aufzubauen sowie eine optimale Produktivität zu erreichen, erfordert Aufmerksamkeit und Hingabe. Aber eigentlich müssen wir uns nur an die natürlichen Grundlagen für ein respektvolles Miteinander bzw. an die richtigen Umgangsformen untereinander erinnern. Denn dann können wir uns viel schneller abstimmen und zu Ergebnissen kommen.

Was sind also die richtigen Umgangsformen?

Keine Schuldzuweisungen

Sie sollten niemals jemandem ein Fehlverhalten öffentlich vorwerfen. Fragen Sie sich immer zuerst, ob es gerade die richtige Situation für Feedback ist. Wenden Sie sich unter vier Augen an die verantwortliche Person und befassen Sie sich zuerst mit den Fakten, bevor Sie ein Urteil fällen.

Schuldzuweisungen sind eine instinktive Reaktion, bei der man versucht, seinen Ruf, seine Position oder seinen Stolz dadurch zu wahren, indem man anderen die Schuld zuweist bzw. von sich selbst ablenkt. Dies beeinträchtigt jedoch das Vertrauen innerhalb des Teams. So entsteht Konkurrenz und jeder im Team "kämpft" nur noch für sich selbst. Das fördert Angst vorm Scheitern sowie Zurückhaltung vor Experimenten, was wiederum Innovation und Zusammenarbeit behindert.

Sich mitteilen und Fragen stellen

Studien zufolge unterschätzen wir häufig die Hilfsbereitschaft anderer. Zudem sind die Folgen, die entstehen, wenn wir KEINE Fragen stellen, Meinungen einholen oder Gefallen erweisen (d. h. große Probleme in der Zukunft) in der Regel viel schwerwiegender als die Folgen, die durch das Stellen einer Frage entstehen könnten (ggf. einen Kollegen zu nerven).
Wenn Sie also etwas benötigen, dann fragen Sie einfach danach. Gehen Sie nicht davon aus, dass andere Ihre Gedanken lesen können und machen Sie den Mund auf. Denn es wird Ihnen nichts in den Schoß gelegt und wenn Sie nicht nachfragen, können Sie sich später auch nicht beschweren.

Sich entschuldigen

Es wird auch mal etwas schief gehen, Sie werden Fehler machen und so natürlich auch andere. Wenn Sie jemanden unabsichtlich gekränkt haben, sollten Sie sich in aller Form dafür entschuldigen. Zuzugeben, dass man einen Fehler gemacht hat, ist so gut wie immer der schnellste und beste Lösungsweg.

Auf der Arbeit gilt dasselbe wie im Privatleben: Eine Entschuldigung muss mit der ernsthaften Absicht, den Fehler nicht zu wiederholen, einhergehen. Dementsprechend ist es zwar eine gute Idee, mit einem "Es tut mir leid" zu beginnen, doch daraufhin sollten Sie sich immer das jeweilige Fehlverhalten offen eingestehen. So können Sie Verständnis für die Schwere des Fehlers signalisieren und etwaige Restspannungen abbauen.

Zuhören

Aktives Zuhören ist eine der meist gefragtesten sozialen Kompetenzen und das auch aus gutem Grund, denn es signalisiert u. a. Empathie, Lernbereitschaft und eine zielorientierte Einstellung. Dennoch gibt es in den meisten Besprechungen auf der Arbeit eher zu viele Menschen, die nur darauf warten, ihren Punkt auch noch mitzuteilen, anstatt sich wirklich auf andere einzulassen. Das führt zu einer abweisenden und hierarchischen Arbeitsumgebung.

Sie kennen niemanden wirklich, bis Sie sich in seine Lage versetzt haben. Deswegen denken Sie immer daran, dass Sie nicht alles wissen, bis Sie fragen. Zuhören und Nachfragen regt zum Handeln an und hilft dabei, Beziehungen aufzubauen. Wenn Sie Ihre Meinungen anderen auferlegen, bevor Sie sie nach der eigenen Meinung gefragt haben, dann drängen Sie sie in eine Ecke, anstatt sie in ein Gespräch zu verwickeln.

Ordnung halten

Eine gute Zusammenarbeit ist der Schlüssel für gemeinsame Ergebnisse in einem Team. Denken Sie daran, dass Ihre Arbeit erst dann abgeschlossen ist, wenn sie von jemand anderem übernommen werden kann. So sollte Dokumentation ein Teil jeder Arbeit sein.

Ob es darum geht, die Fortführung der Arbeit zu gewährleisten, während Sie im Urlaub sind, eine Aufgabe nach einer Beförderung zu übergeben oder einfach die Einarbeitung neuer Mitarbeiter zu erleichtern - alles schön zu ordnen (und zugänglich zu machen), macht allen das Leben leichter. Eine gute Dokumentation hilft nicht nur, den eigenen Arbeitsbereich zu ordnen, sondern ist auch ein Zeichen des Respekts gegenüber den Kollegen.

Nicht über Kleinigkeiten ärgern

Niemand ist unfehlbar. Sie werden Fehler machen, ebenso wie Ihre Kollegen und sogar Ihre Vorgesetzten. Halten Sie sich nicht mit Kleinigkeiten auf und ärgern Sie sich nicht über Dinge, die Sie ohnehin nicht mehr ändern können. Denn wie Elon Musk schon sagte: “Scheitern ist hier eine Option. Wenn die Dinge nicht scheitern, sind Sie nicht innovativ genug”.
Oder wie Thomas Edison schon mit anderen Worten sagte: Durch Scheitern finden Sie heraus, was nicht funktioniert und es führt Sie dahin, herauszufinden, was funktioniert. Die wichtigste Erkenntnis ist, dass jede Reaktion auf das Scheitern eine Frage der Einstellung ist. Sollten Sie also scheitern, dann machen Sie es beim nächsten Versuch besser, anstatt sich in Selbstmitleid zu suhlen.

Teilen

Durch Teilen schaffen wir bessere Ergebnisse. Nehmen Sie sich also die Zeit, Ihre Ideen mit anderen zu teilen und Sie werden sehen, dass sich die Investition auszahlt. Denn auch Erfolg lässt sich perfekt teilen und niemand kann die Lorbeeren für ein Teamergebnis alleine einheimsen.

Dies ist auf jeder Ebene wichtig - von der Einholung einer zweiten Meinung über Ihre bisherige Arbeit (falls zutreffend) bis hin zum gemeinsamen Feiern von Erfolgen, indem Sie all die Unterstützung anerkennen, die Sie auf Ihrem Weg erhalten haben. Wenn eine Kultur der Dankbarkeit und Wertschätzung Ihren Arbeitsplatz erfasst, werden ebenso Beteiligung, Engagement und Hilfsbereitschaft zunehmen. Es kostet Sie nichts, Ihren Erfolg mit anderen zu teilen, aber die daraus resultierenden positiven Auswirkungen sind unbezahlbar.

Jedem Raum geben

Das entscheidende Argument für die beste Entscheidung kann von jedem aus dem Raum kommen, unabhängig vom Dienstalter. Manchmal kommen die besten Ideen von den Personen, von denen man sie am wenigsten erwartet, deswegen sollte man allen Stimmen Gehör verschaffen.

Dies kann alles bedeuten - von der Zurückdrängung der besonders Lauten, die immer ihren Teil beitragen wollen, bis hin zur direkten Aufforderung an diejenigen, die sich schüchtern und leise im Hintergrund halten. In jedem Fall ist es besonders wichtig, eine offene und inklusive Arbeitsumgebung zu schaffen, in der sich alle wohlfühlen, ihre Meinung zu teilen und an den Diskussionen teilzunehmen. Allerdings geht das nicht ohne die oben bereits genannten Punkte - ggf. zu scheitern muss akzeptiert und aktives Zuhören muss praktiziert werden.

Ehrlichkeit

Wenn Sie etwas verheimlichen oder nicht offen sagen, was Sie erwarten, wird Sie das immer ausbremsen. Was Sie anderen signalisieren und worum Sie andere bitten, sollte das sein, was Sie wirklich wollen und nicht dazu dienen, andere zu beeinflussen.
Eine Studie zeigt, dass mehr als die Hälfte der befragten Arbeitnehmer es in Ordnung finden, darüber, ob man sein Unternehmen oder seinen Arbeitgeber mag, zu lügen. Solange Sie jedoch nicht offen ansprechen, was Sie eigentlich denken oder was Sie stört, wird sich nichts ändern und Sie werden an einem Arbeitsplatz, an dem Sie nicht glücklich sind, festsitzen. Ob um einen Fehler zu verbergen oder einem Kollegen oder Vorgesetzten zu gefallen - ganz gleich, warum: Wenn Sie lügen, schießen Sie sich selbst ins Knie, denn es wird Ihnen auf lange Sicht immer zum Verhängnis werden.

Persönliche Vorbereitung und Pünktlichkeit

Eine gute Vorbereitung und Pünktlichkeit sind essenziell, damit Sie die Zeit von anderen in Anspruch nehmen können. Es ist zudem ein Zeichen von Respekt und sorgt dafür, dass die Zeit für alle Beteiligten besser genutzt wird. Also lassen Sie andere nicht auf Sie warten!

Mit Blick auf die Arbeitsplatzkultur ist Respekt tatsächlich seit Jahren einer der wichtigsten Faktoren und äußert sich vor allem darin, dass man die Zeit seiner Kollegen und Vorgesetzten zu schätzen weiß. Ja, es ist gut, Fragen zu stellen, solange diese Fragen einen Mehrwert bieten. Ja, es ist wichtig, zuzuhören, solange man sich wirklich auf das einlässt, was gesagt wird. Ja, es ist gut, zu scheitern, solange dieses Scheitern produktiv ist.

Ihre persönliche Vorbereitung ist der Kern all der oben genannten Punkte - ohne sie können Sie sich nur auf dem Wissen Ihrer Kollegen ausruhen.

Schlussbemerkungen

Aus diesen Umgangsformen kann man sich also nicht beliebig einzelne raussuchen und andere weglassen: Sie sind alle miteinander verbunden und grundlegend für einen produktiven und einladenden Arbeitsplatz. Wenn ein Glied in der Kette versagt, werden die anderen folgen und mit ihnen das wahre Potenzial Ihres Teams.

Empathie und Ehrlichkeit sind die beiden wichtigsten Aspekte, die dieser Liste zugrunde liegen. Und obwohl es nett ist, wichtig zu sein, ist es noch wichtiger, nett zu sein. Zumindest, wenn Sie wollen, dass Ihr Unternehmen wirklich wettbewerbsfähig und erfolgreich ist.